Wachsende Unruhe und Widerstand gegen die Zerschlagung des VW-Konzerns

Gestern begann der Vorstand des Volkswagen-Konzerns, die Beschäftigten der Kernmarke VW auf die Ausweitung des Ende 2024 begonnenen Kahlschlags vorzubereiten. Am Ende könnte die Zerschlagung eines der größten Autokonzerne der Welt stehen.

VW-Werk in Wolfsburg

Neun Betriebsversammlungen sind bis Ende der Woche geplant, darunter in Emden, Salzgitter, Kassel, Hannover, Zwickau, Chemnitz und Dresden. Den Anfang machten gestern die beiden Werke in Wolfsburg und Braunschweig.

Dem Betriebsrat zufolge haben in Wolfsburg mehr als 10.000 Beschäftigte die Betriebsversammlung in und außerhalb der Halle 11 verfolgt. Vor der Halle wurden zusätzliche Bildschirme für die Übertragung aufgebaut. Auch in Braunschweig, wo Komponentenvorstand Thomas Schmall den Sparkurs verteidigte, kamen Tausende zur Betriebsversammlung.

Die IG Metall organisierte ihren üblichen Protest. Vor der Rednerbühne hielten Vertrauensleute Transparente hoch, auf denen stand: „Tarifflucht stoppen!“ und „Unsere Jobs sind nicht Eure Bilanzkorrektur!“ Die Rede von Konzernchef Oliver Blume wurde mehrfach durch laute Pfeifkonzerte unterbrochen. Doch diese Showproteste können nicht darüber hinwegtäuschen, dass IG Metall und Betriebsrat aufs engste mit dem Konzernvorstand zusammenarbeiten und eine Schlüsselrolle spielen, den Kahlschlag durchzusetzen.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo forderte, angesichts der schwierigen Lage „die Zusammenarbeit der Sozialpartner“ zu intensivieren. Sie sagte: „Unser Vertrauen in diesen Konzernvorstand, insbesondere auch in dessen Vorsitzenden Oliver Blume, ist beschädigt. Noch nicht irreperabel. Aber beschädigt.“

Konzernchef Blume betonte in Wolfsburg erneut, dass es für die Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre gebe. „Das heißt aber nicht, dass Werksschließungen beschlossen sind“, behauptete er. Sie seien immer die letzte und teuerste Lösung. Zum angekündigten zusätzlichen Stellenabbau sagte Blume, „die häufig genannte Zahl von rund 50.000 Stellen weltweit ist dabei keine Zielgröße. Sie ist eine theoretische Rechengröße – abgeleitet von unseren Kosten.“

Cavallo erklärte, der Betriebsrat werde Werksschließungen nicht akzeptieren. Aber auch Blume ließ diese Frage offen und betonte, darüber gäbe es im Vorstand noch keine Beschlüsse. Die Unsicherheit über die Frage der Werksschließungen wird von beiden Seiten benutzt, um den Abbau von immer mehr Arbeitsplätzen, von Lohnsenkungen und von Sozialkürzungen zu begründen. Im Hintergrund gibt es bereits sehr viele weitergehende Pläne, den Gesamtkonzern zu zerschlagen und die Filetstücke auf Profit zu trimmen.

Am Freitag hatte Konzernchef Blume in einem Video erklärt, die Lage von VW sei „mehr als kritisch“, die bisherigen Einsparungen seien nicht ausreichend. „Wir sind überdimensioniert.“ Bis zu 100.000 Arbeitsplätze müssten im Gesamtkonzern – also auch bei Audi und Porsche – abgebaut werden. Das wäre eine Verdoppelung des bereits mit der IG Metall und den Betriebsräten vereinbarten Abbaus.

Am Montagmorgen, kurz vor den beiden ersten Betriebsversammlungen, berichteten dann der Spiegel und andere Medien über einen Kahlschlagplan der VW-Spitze mit Namen „Group Target Picture 2030“. Schon vorher hatte Konzernchef Blume vier Werke in Deutschland zur Disposition gestellt. Laut „Group Target Picture 2030“ sollen die VW-Werke in Zwickau und Emden ihre Produktion 2031 einstellen, das Nutzfahrzeugwerk von VW in Hannover 2032 und das Audi-Werk in Neckarsulm 2034.

Die Schließung bzw. der Verkauf des VW-Werks in Osnabrück ist bereits beschlossene Sache. Hier ist höchstens die Frage, welcher Rüstungskonzern das Werk und einen Teil der Belegschaft übernimmt.

Übrig blieben nach diesem gezielt lancierten Plan nur das Audi-Produktionswerk in Ingolstadt und das VW-Stammwerk in Wolfsburg. Zudem soll Blume „Strukturreformen“ planen, nämlich Volkswagen in eine eigene Aktiengesellschaft auszugliedern. Der Plan, die Komponentenwerke – v. a. in Kassel (Baunatal), Braunschweig, Salzgitter und Chemnitz – in eine eigene Sparte abzuspalten, war schon zuvor öffentlich diskutiert worden.

Eine solche Aufspaltung würde das VW-Gesetz aushebeln und dem Land Niedersachsen, das zu 20 Prozent an VW beteiligt ist, das Vetorecht bei wichtigen Entscheidungen entziehen. Allerdings ist bislang ist noch kein Arbeitsplatzabbau an einer SPD-Landesregierung gescheitert. Die Aufspaltung zielt vor allem darauf, die Belegschaft zu spalten und den Konzern zu filetieren: Die profitabelsten Teile sollen am Aktienmarkt versilbert werden, die übrigen abgestoßen oder stillgelegt.

Die Erfahrungen seit dem „Weihnachtswunder“

Als Folge des Kahlschlags vom Dezember 2024, den IG Metall und Betriebsrat als „Weihnachtswunder von Hannover“ bejubelt hatten, spart der Konzern jährlich 15 Milliarden Euro ein, 1,5 Milliarden durch Lohnkürzungen und rund 13,5 Milliarden durch die Vernichtung von 35.000 Arbeitsplätzen und die Reduzierung der technischen Kapazität um über 730.000 Fahrzeuge. Die Reallöhne der Beschäftigten sind um bis zu 18 Prozent gesenkt worden.

Was seither geschah, entlarvt die Lügen, mit denen der Kahlschlag gerechtfertigt wurde.

Im Februar 2026 fanden sich in der Konzernkasse plötzlich Barbestände von 6 Milliarden Euro – genug, um den Vorstandsmitgliedern Boni von bis zu 1,75 Millionen Euro pro Person auszuzahlen. Blume selbst bezog 2025 ein Gehalt von über 7,4 Millionen Euro. Finanzvorstand Antlitz räumte ein, dass der Geldregen aus gestrichenen Investitionen stammte. Die radikalen Einsparungen waren lange Zeit mit notwendigen „Investitionen in die Zukunftsfähigkeit“ begründet worden.

Fast zeitgleich, im Februar 2026, kündigte der Vorstand eine zusätzliche 20-prozentige Kostensenkung über alle Marken hinweg an – ein Sparvolumen von 60 Milliarden Euro jährlich, das Sechsfache des Programms von 2024. Im Mai 2026 legte Blume dann dem Aufsichtsrat ein 180-seitiges Unternehmenskonzept vor, das erstmals konkrete Werksschließungen vorsah. Audi-Chef Döllner drohte offen, der „Fortbestand der deutschen Automobilindustrie“ stehe in Frage.

Die Botschaft ist unmissverständlich: Werksschließungen waren von Anfang an eingeplant. Die Zusicherung, sie seien mit dem „Weihnachtswunder“ abgewendet, war eine bewusste Lüge, um den Widerstand der Belegschaft zu ersticken.

Kriegswirtschaft und China-Konkurrenz

Hinter dem Kahlschlag steht kein Managementversagen, sondern die Umstrukturierung der deutschen Industrie im Dienste der Profitmaximierung und Kriegsvorbereitung. VW macht keine Verluste, der Netto-Gewinn belief sich im letzten Jahr auf fast 7 Milliarden Euro. Davon sind über 2,6 Milliarden als Dividende auf die Konten der Aktionäre geflossen.

Doch das ist nicht genug. Die Rendite von derzeit 3,8 Prozent ist den Aktionären – vor allem dem Porsche-Piëch-Clan – zu gering. Dass Blume in der Bild am Sonntag von den Beschäftigten auch noch forderte, weitere Kürzungen zu akzeptieren („Alle müssen mitziehen“), hat die Stimmung in der Belegschaft gegen das Management weiter angeheizt.

Zwei Faktoren beschleunigen den Kahlschlag.

Erstens der eskalierende Handelskrieg und die wachsende Konkurrenz mit chinesischen Herstellern. VW verliert auf dem chinesischen Markt, seinem wichtigsten Absatzmarkt, massiv an Boden – nicht nur wegen der dortigen Wirtschaftskrise, sondern vor allem, weil chinesische E-Auto-Hersteller wie BYD mit technologisch überlegenen und preisgünstigeren Fahrzeugen Marktanteile erobern. Diese Konkurrenz beschränkt sich längst nicht mehr auf China: Chinesische Hersteller drängen nach Europa, Südostasien und Lateinamerika. Die Antwort des VW-Vorstands besteht darin, die eigene Belegschaft schonungslos auszupressen, um die Profitmarge pro Fahrzeug zu erhöhen.

Zweitens die Umstellung auf Kriegswirtschaft. Die hunderte Milliarden Euro für die Aufrüstung eröffnen den Konzernen neue Profitquellen. VW unterhält seit 2020 ein eigenes „Defense und Human Resources Consulting Team“ zur Weiterentwicklung strategischer Initiativen im Sicherheits- und Verteidigungsbereich.

Rheinmetall-Chef Armin Papperger hat das VW-Werk Osnabrück bereits als „sehr geeignet“ für die Panzerproduktion bezeichnet. Betriebsratschefin Cavallo hat erklärt, Rüstung sei für Osnabrück „eine Option“. Und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) eine bessere Auslastung der Werke durch „Ergänzungen“ wie etwa Rüstungsproduktion gefordert.

Die IG Metall hat schon im Februar 2024 einen Aufrüstungspakt mit der SPD und der Rüstungsindustrie geschlossen. VW-Ingenieure sollen künftig nicht mehr Autos, sondern Drohnen, Munition und Militärfahrzeuge in Serie produzieren. Damit knüpft der Konzern direkt an seine Geschichte als Nazi-Rüstungsbetrieb an, der im Zweiten Weltkrieg mit Zwangsarbeitern Panzerfäuste, Minen und V1-Raketen produzierte.

Nächste Runde des Kahlschlags verhindern

Es ist Zeit, dass die Beschäftigten selbst aktiv werden und dem IG-Metall-Apparat und dem Betriebsrat das Heft aus der Hand nehmen. Denn diese bemühen sich, die wachsenden Sorgen und den Unmut der Belegschaften aufzufangen, um die von den Eigentümerfamilien Porsche-Piëch und den Kapitalmärkten geforderten Angriffe umzusetzen.

Der IGM-Apparat und der Gesamtbetriebsrat unter Daniela Cavallo wollen in den kommenden Monaten die Mechanismen ausarbeiten, um die errechneten Kosten einzusparen. Die SPD-geführte Landesregierung, IG Metall und Betriebsrat haben angekündigt, bei der kommenden Aufsichtsratssitzung Anfang September eigene Konzepte vorzulegen, mit denen Milliarden eingespart werden.

Dieser „alternative Sparplan“ verheißt nichts Gutes. Als Blume 2024 den Abbau von 30.000 Stellen forderte, vereinbarten IGM- und Betriebsratsapparat mit ihm den Abbau von 35.000 Stellen sowie Lohn- und Gehaltskürzungen von bis zu 20 Prozent.

Volkswagen-Betriebsratschefin Daniela Cavallo und IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger hatten diesen umfassendsten Angriff seit der Nachkriegszeit mit der Verhinderung betriebsbedingter Kündigungen und Werksschließungen begründet. Die WSWS hatte schon damals erklärt, dass die Schließung ganzer Werke nicht aufgehoben, sondern verschoben worden sei. Das bewahrheitet sich nun.

Entzieht dem IG-Metall-Apparat und dem Betriebsrat das Mandat und baut das VW-Aktionskomitee auf!

Auf der gestrigen Betriebsversammlung hat Cavallo keinen Zweifel daran gelassen, dass sie und ihr Betriebsratsapparat die nächste Runde des sozialen Kahlschlags vorbereiten. „Meine Linie ist klar“, sagte sie. „Wir haben eine Beschäftigungssicherung erkämpft, und wir werden auch in Zukunft dafür kämpfen, dass Veränderungen sozialverträglich stattfinden.“

Das ist eindeutig: Sie will das nächste Arbeitsplatzmassaker und die Werksschließungen nicht verhindern, sondern „sozialverträglich“ gestalten. Opposition dagegen wird im Keim erstickt. Deshalb lassen Betriebsrat und IG Metall keine Aussprache auf den Betriebsversammlungen zu. Die Belegschaften werden mit vagen Ankündigungen seitens des Managements und mit genauso vagen Versprechen der Betriebsräte hingehalten und vertröstet.

Der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze kann nur erfolgreich geführt werden, wenn die Belegschaft der IG Metall und dem Betriebsrat das Mandat entzieht und unabhängige Aktionskomitees aufbaut, die demokratisch organisiert sind und den Widerstand international koordinieren. Der Kampf gegen Kahlschlag und Krieg erfordert den Bruch mit der Sozialpartnerschaft und die Orientierung auf die internationale Einheit der Arbeiterklasse.

Werdet jetzt aktiv, setzt euch mit uns in Verbindung und stärkt das VW-Aktionskomitee. Schreibt eine Nachricht über WhatsApp an die +491633378340 und registriert euch über das untenstehende Formular.

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