Wie der Mode-Versandhandel Zalando am 7. Januar bekanntgab, will er sein Logistikzentrum in Erfurt bis Herbst 2026 schließen. 2.700 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze.
Der Fall Zalando macht deutlich, wie wichtig es ist, dass Arbeiterinnen und Arbeiter die Verteidigung ihrer Arbeitsplätze selbst in die Hand nehmen und Aktionskomitees aufbauen, um sich mit den Kolleginnen und Kollegen der anderen Standorte zusammenschließen und gemeinsam Kampfmaßnahmen zu organisieren.
Die Zuständigen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi erklärten, sie seien völlig überrascht von der Unternehmensentscheidung, kündigten aber sofort ihre Bereitschaft an, Verhandlungen über einen Sozialplan zu führen. Das bedeutet nichts weiter als Zustimmung und Zusammenarbeit bei der Schließung des Standorts. Politiker, wie der frühere Ministerpräsident Thüringens, Bodo Ramelow (Die Linke), empören sich und sprechen von Raubtierkapitalismus, obwohl sie es waren, die in den vergangenen Jahren das Raubtier mit üppigen Fördermitteln gefüttert haben.
Zalando SE ist ein europaweit operierender Mode-Versandhandel mit Sitz in Berlin und besteht seit zwanzig Jahren. Die betroffene Zentrale im thüringischen Erfurt wurde vor zwölf Jahren eröffnet, um die niedrigen Löhne im Osten und hohe Subventionen auszunutzen. Im Sommer 2012 nahmen die ersten 350 Mitarbeiter den logistischen Testbetrieb in einer Erfurter Lagerhalle auf. Darauf folgten weitere Zentren in Mönchengladbach (NRW), Lahr im Schwarzwald (Baden-Württemberg) und Peine (Niedersachsen), sowie auch in Polen, Italien und Irland.
Begonnen hatte Zalando als Online-Schuhhändler. In einer Zeit, als die großen Warenhäuser Quelle, Karstadt, Hertie taumelten, konnte Zalando sein Sortiment auf Mode, Sportkleidung, Schmuck, Kosmetik und Accessoires ausweiten. Die Zalando-Gründer David Schneider und Robert Gentz setzten dabei gezielt auf staatliche Subventionen der Länder, des Bundes und der EU, als auch auf die niedrigen Löhne in Ostdeutschland und Osteuropa. Die hohen Profite lockten auch namhafte Konzerne und Banken wie Holtzbrinck, Tengelmann, J.P. Morgan etc., die Anteile an Zalando kauften.
Das von den Inhabern gepflegte innovative Startup-Image brach vor sechs Jahren ein. Da wurde bekannt, dass Zalando seine Beschäftigten – genauso wie Amazon – massiv unter Druck setzt, um die Profite hoch zu halten. Ein Wissenschaftler-Team der Berliner Humboldt-Universität konstatierte in einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung ein schlechtes Betriebsklima, Stress und psychologische Belastungen bei Zalando. Insbesondere kritisierten sie, dass der Konzern bei seinen Beschäftigten die Personal-Bewertungssoftware Zonar einsetzt. Zonar sammelt systematisch die Bewertungen durch Kollegen und Vorgesetzte ein und setzt die Beschäftigten unter einen anhaltenden Leistungsdruck. Die Studie bezeichnete das Überwachungs- und Spitzelsystem als „Stasi-Methoden“.
Das Zalando-Management widersprach dieser Kritik und verwies darauf, dass der Betriebsrat der Einführung von Zonar zugestimmt hatte. Allerdings hat eine Journalistin, die mit Unterstützung des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff drei Monate verdeckt bei Zalando arbeitete, berichtet, dass sie als „Pickerin“ im Logistikzentrum in Erfurt während einer 8-Stunden-Schicht Strecken von bis zu 27 km zurücklegen musste und nach fünf Wochen mit Kreislaufproblemen zu kämpfen hatte. Häufig müsse der Rettungsdienst zu dem Lager gerufen werden.
In der Corona-Pandemie begünstigten die Lockdowns einen Aufschwung des Online-Handels und Zalando stieg in den Aktienindex DAX auf. Doch seit Ende 2023 gehen die Kundenzahlen infolge der eskalierenden Wirtschaftskrise deutlich zurück. Die Unternehmensleitung reagiert darauf mit einer Doppelstrategie: Expandieren und rationalisieren.
Im vergangenen Jahr kaufte Zalando für über eine Milliarde Euro den Versandhandel ABOUT YOU hinzu, einen Ableger des traditionellen Otto-Versands. Gleichzeitig leitete das Zalando-Management eine tiefgreifende Umstrukturierung ein. Während das Logistikzentrum Erfurt geschlossen werden soll, wird in Gießen ein modernes neues Zentrum in Kürze eröffnet.
Das Management begründet die Schließung des Erfurter Zentrums mit sogenannten „Redundanzen“, parallel operierenden Abläufen, die seit der Übernahme von ABOUT YOU zu überflüssigen Kapazitäten führen würden. Diese „Optimierung der Abläufe“ soll dazu führen, dass 2.700 Beschäftigte ihre Lebensgrundlage verlieren! Auf die ersten Anzeichen eines Abschwungs und von Verlusten reagieren die Manager mit Verlagerung, Entlassungen und Betriebsschließung und mit noch mehr Arbeitsdruck.
Die Empörung von Politikern, die in den vergangenen Jahren die Zalando-Unternehmer mit Millionen an Subventionen überschüttet und ihnen Sonderrechte eingeräumt hatten, ist reine Heuchelei. In Wahrheit befürchten Ramelow & Co, dass die Schließung von Zalando in Erfurt mit der Welle von Massenentlassungen und Betriebsschließungen in der Auto- und Zulieferindustrie zusammenkommt und sie nicht mehr in der Lage sind, den wachsenden Widerstand dagegen unter Kontrolle zu halten.
Bisher stützten sich die Unternehmen und die Politiker auf die Gewerkschaften, die jeden ernsthaften Kampf sabotieren und isolieren. Alle Trillerpfeifenproteste, Warnstreiks von wenigen Stunden und Trauermärsche, die Verdi nun allenfalls vorschlägt, dienen allein dem Zweck, die Wut einzuhegen und unter Kontrolle zu halten.
Verdi versucht nicht einmal, den Anschein zu erwecken, als wolle sie die Arbeitsplätze prinzipiell verteidigen. In einer Stellungnahme vom gestrigen 9. Januar kritisiert Verdi die Schließungsabsicht mit den Worten: „Für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen, die zum Teil seit mehr als einem Jahrzehnt dem Standort trotz Niedriglöhnen die Treue halten, ist die Schließung ein Schlag ins Gesicht.“ Aber es waren die Verdi-Funktionäre, die behauptet haben, durch Niedriglöhne werde die Wettbewerbsfähigkeit erhöht und die Arbeitsplätze gesichert.
Aus diesem Grund müssen die Zalando-Beschäftigten selbst aktiv werden und die Verteidigung der Arbeitsplätze in die eigene Hand nehmen. Sie sollten darauf bestehen, Versammlungen aller Bereiche – des Wareneingangs, der Kommissionierung, des Versandes und der Verwaltung – einzuberufen, auf denen Gremien aus vertrauenswürdigen Kolleginnen und Kollegen gewählt werden, die von Verdi unabhängig handeln können.
Keine Verhandlungen hinter verschlossenen Türen! Alle Vereinbarungen, Sozialpläne, Abfindungsangebote etc. müssen veröffentlicht werden. Volle Transparenz und weitest mögliche Öffentlichkeit sind nötig! Die Belegschaft wurde lange genug hingehalten. Noch das ganze Weihnachtsgeschäft wurde auf ihren Knochen abgewickelt, ohne dass man sie über die bevorstehenden Schließungspläne auch nur informierte! Die Beschäftigten haben ein Recht, über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze mitzuentscheiden.
Sozialpläne, Interessensausgleiche und Transfer- oder Beschäftigungsgesellschaften sind letztlich nur Verschiebebahnhöfe in die Arbeitslosigkeit. Notwendig sind vernünftig bezahlte, unbefristete und sichere Arbeitsplätze für alle Beschäftigten und Löhne, von denen sie mit ihren Familien gut leben können. Denn die Bedürfnisse der Arbeitenden sind wichtiger als die Profitinteressen einer hauchdünnen, abgehobenen Oberschicht.
Um dies durchzusetzen, werden die unabhängigen Aktionskomitees, gestützt auf klare demokratische Beschlüsse, auch Arbeitskampfmaßnahmen wie Streiks, Blockaden und Betriebsbesetzungen als letztes Mittel vorbereiten. Dazu ist es wichtig, sofort Kontakte zu den Kolleginnen und Kollegen in allen Zalando-Filialen aufzunehmen und sich auch an Beschäftigte anderer Betriebe, Branchen und Länder zu wenden. Zalando hat angekündigt, außer der Schließung in Erfurt auch die Verträge dreier weiterer, externer Dienstleister außerhalb Deutschlands zu kündigen. Deren Beschäftigte müssen sofort ausfindig gemacht und kontaktiert werden, denn es gilt: Einer für alle und alle für einen!
Die Verbündeten des Zalando-Personals sind nicht die Gewerkschaftsbürokraten in den Berliner und Frankfurter Zentralen, auch nicht die Politiker egal welcher Couleur von AfD bis Linkspartei, ob im Thüringer Landtag in Erfurt oder im Berliner Bundestag. Die Verbündeten sind die Kolleginnen und Kollegen der anderen Logistikbetriebe und des Versandhandels im In- und Ausland, bei Amazon, Otto-Versand, DHL, GLS, UPS, Hermes etc.
Die Zalando-Schließung in Erfurt ist Teil eines umfassenden Arbeitsplatzmassakers. 2025 war das Jahr mit den meisten Insolvenzen seit langer Zeit. In hunderten von Betrieben sind Arbeiterinnen und Arbeiter mit Lohnraub, Stellenabbau und Arbeitsdruck konfrontiert. Sie alle sind im Kampf um die Arbeitsplätze potentielle Verbündete.
Für internationale Zusammenarbeit und gegen nationalistisches Standortdenken – auf dieser Grundlage hat die World Socialist Web Site zusammen mit den Sozialistischen Gleichheitsparteien, die dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI) angehören, die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) gegründet.
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